finster
maBelle hat zum Geburtstag einen besuch im dunkelrestaurant geschenkt bekommen und letzte woche war es soweit. und es ist wirklich stockfinster da drinnen! nachdem uns einer (noch im lichte) erzählt hat, wie es in etwa funktioniert und was wir keinesfalls tun sollten (alleine aufstehen, handtaschen auf den boden stellen…) wurden wir durch eine lichtschleuse ins restaurant geführt: erst ist dort schummeriges licht, dann klopft der begleiter an der tür, innen wird zurückgeklopft und dann geht das licht auch in der schleuse aus und die gäste werden im gänsemarsch von der kellnerin an ihren tisch geführt. dadurch ist es wirklich stockduster in dem laden, ich hatte ja irgendwie gedacht, wenigstens umrisse sehen zu können, wenn leute rein- oder rausgehen, nein, auch daran ist gedacht. und ich muß zugeben, daß ich anfangs meine schwierigkeiten hatte: ich wollte instinktiv meinen kopf schützen, aber mit der einen hand mußte ich mich an einer schulter festhalten, damit ich weiß, wo es lang geht und in der anderen hatte ich meine handtasche… was für ein vertrauen in die welt muß ein blinder mensch haben?! sicherlich rührt meine sorge, mir den kopf zu stoßen von meiner länge, mir passiert das vermutlich öfter; weder meine mutter noch maBelle hatten diese sorge.
bei tisch habe ich mich dabei erwischt, wie meine augen angestrengt versuchten, doch etwas zu sehen. ich glaube, ich bin ein arger seh-mensch, meine schwerhörigkeit paßt schon viel besser zu mir: auf geräusche scheine ich leichter verzichten zu können als aufs gucken. und ich wollte dann auch alles sehen: schon dinge zu essen, die ich nicht sehen kann, ist merkwürdig, aber ich wollte auch wissen, wie das geschirr und das brotkörbchen aussehen, die ich da eifrig befummelte. eigentlich hätte ich am ende des besuches gerne licht angemacht bekommen um mir das anzuschauen, was ich den ganzen abend lang nur mit meinen anderen sinnen erfahren konnte. ich hatte dann die hoffnung, daß wir wenigstens unsere kellnerin zu gesicht bekommen könnten. die hatte eine sehr angenehme stimme und eine nette berlinerische frechheit am leibe: ich dachte, sie wäre blond und groß und schlank, maBelle hatte sie sich als brünette vorgestellt und meine mutter sich wohl gar kein bild von ihr gemacht.
das essen war lecker, auch wenn ich bei der menü-auswahl wieder mal einen meiner kardinalfehler beging: ich war so scharf auf die vorspeise (Pumpernickelsuppe) und das dessert (irgendein grieß mit pfefferminzsauce und pomeranzen), daß ich beim hauptgericht was mit bohnenmousse las und komplett ignorierte, daß ich weder champignons noch ziegenkäse mag, aber vorsuppe und nachspeise waren’s wert! den trick mit dem einschenken kannte ich noch: finger reinhalten, damit du merkst, wann das glas voll wird, das wollte ich so gerne meiner großmutter beibringen, als sie immer blinder wurde. aber essen im dunkeln ist etwas ganz anderes: ich gebe zu, daß ich ständig mit den fingern auf dem teller rumgesucht habe. und meine angewohnheit, den teller immer wieder zu drehen, erwies sich im dusteren als fehler: ich fing immer wieder neu an, mein essen zu suchen. und ab und zu haste halt ‘ne leere gabel im mund… die pomeranzen, die ich noch nie gegessen hatte, waren wirklich extrem lecker. lustig, unbekanntes im dunklen kennenzulernen!
und am ende, nachdem uns unsere kellnerin wieder in der polonaise aus dem restaurant in die lichtschleuse geführt hatte, kam der moment, wo wir sie im schummerlicht kurz sehen konnten: leider viel zu plötzlich und viel zu kurz!: und sie war klein und etwas rundlich und hatte braune haare…
alles in allem eine spannende und schöne erfahrung, meine bewunderung für leute, die ohne sehvermögen durchs leben können, ist extrem gestiegen. vom gutschein blieb – oh glück – noch ein wenig übrig, daß die mutter auch gleich noch auf einen verbrauchbaren betrag erhöhte: wir können uns diesem genußerlebnis also bald nocheinmal hingeben, die haben da auch themenabende, erotisch oder krimi beispielsweise!

2 kommentare on “finster”
Christian schrieb am 04.12.'11 um 0:24:
Mahlzeit, ich bin mal so frei und poste was auf der Seite. Sieht schick aus! Ich beschaeftige mich auch seit kurzem mit Wordpress verstehe aber noch nicht alle Funktionen. Dein Blog ist mir da immer eine willkommene Inspiration. Danke!
wiebke schrieb am 04.12.'11 um 23:37:
schön, dass es Dir/ Euch gefallen hat… Klingt wirklich nach einer interessanten Erfahrung (würde mich auch mal interessieren)