über das schreiben und das publikum
früher habe ich gedichte geschrieben. von denen habe ich mir sehr gewünscht, sie mögen veröffentlicht werden.
ich stellte mir ein leben als dichterin vor: mit verworrenem haar, manchmal wirrem blick, sehr spätem aufstehen und skurrilen abenden in kaffeehäusern, so, wie ich mir Else Lasker-Schüler vorstellte und einen freund sah, der, wenn ich noch auf dem laufenden bin, heute als dichter und seefahrer lebt. meine texte würden in schmalen bändchen stecken, mit wunderschönen mustern auf dem buchdeckel, so richtig gedruckt, daß du die buchstaben auf dem papier mit den fingerspitzen ertasten kannst und zwischen den zeilen riechen.
ich stellte mir vor, daß mir leute erzählen würden, wie sie meine texte, die ich zumeist selbst nicht verstand, gelesen hätten, was sie sähen und was das mit ihnen gemacht hätte.
einige meiner texte wurden in einer sehr schönen und niveauvollen frauenzeitschrift veröffentlicht. ich war stolz! die frauen, die dieses heft produzierten, hatten einen ungemein hohen stand auf meinem inneren ruhmes- und bedeutungstreppchen und daß sie meine texte auswählten, das war… ach, einfach wunderschön auf meinem weg als dichterin.
aber es kamen nicht so die gespräche. ich sehe kunst und damit texte als medium: also als mittel. mittel der kommunikation meinetwegen. ich glaubte und glaube das noch heute: ich mache einen text und den lasse ich in die welt los. dort führt der text ein eigenes leben: er wird gefunden, aufgesammelt, gelesen, weggeworfen, an die wand gepinnt, egal gefunden, lieb gehabt oder gehaßt. und manchmal würde mir das erzählt werden.
einmal war das so: ich hatte einen text mit liebe und paris und augen geschrieben und eine frau, die später gute freundin werden sollte, erzählte mir, daß das ihre liebesgeschichte mit einem mir völlig unbekannten T. war. und ich hatte das aufgeschrieben! das war ein schöner moment. … so etwas wollte ich mit meinen texten.
was aber mehr kam, war die frage nach der bedeutung. eine fatale folge von schiefgelaufenem literaturunterricht, möchte ich meinen.
ich schreibe heute ziemlich wenig das, was ich gedichte nenne (kommt von ver-dichten), sondern ins internet. ich blogge. was nichts mit den texten von damals zu tun hat, oder wenn, dann nur selten. (was mit dem dichten noch am ehesten zu tun hat ist in den kategorien texte und das leben zu finden) und bei meinen texten dachte ich nie ans publikum.
anders ist das beim bloggen: es ist ja auch viel schneller “in die welt geschmissen”, so ein text. das heißt, ich schreibe viel eher auch mal einen schönen link hier rein, einen beitrag über irgendeine software oder was wegen webdesign. ab und an aber gibt es was verdichtetes. aber auch eher in prosaischer form. (sowas wie “frühlingsgefühle ” zum beispiel).
und beim bloggen hast du direkt den kontakt zum publikum. während ich einige jahre ohne kommentare lebte (und gar nicht verstanden hatte, wozu die gut sein sollten, ich schreibe schließlich hier), habe ich die kommunikation, die damit möglich ist, endlich kapiert. klasse! die leute reden mich direkt drauf an! das hätte ich damals haben sollen! ich hätte gedichte ohne ende gebloggt!
aber es macht auch etwas mit mir: ich denke beim schreiben an mein publikum. ob das gut ist? ich denke noch immer, es wäre besser, so zu schreiben, als läse es keine/r. daher meine verwunderung, daß 500beine sozusagen life schreibt.
ein beispiel: weil ich so frauenzentriert bin und Luise F. Puschs arbeiten sehr schätze und zu verinnerlichen versuche, schreibe ich hier ziemlich konsequent die femininen formen hin. leserinnen, bloggerinnen und sowas. seit ich aber mitgekriegt habe, daß hauptsächlich männer hier kommentieren (heißt das auch, daß mehrheitlich männer das hier lesen? oder kommentieren die frauen bloß weniger?), überlege ich mir schon, wie das “ankommt”. ja, bin ich denn blöde? das ist mein blog, wenn ich hier nicht schreiben kann, wie ich will, wo denn dann? und sind die irritierung oder die fragen, die das eventuell mal auslöst, nicht gerade wichtig und genau das, was die linguistinnen und muttersprachforscherinnen gerade wollen mit ihren diskussionen und ansätzen? also, tapfer weiter so geschrieben und versucht, das publikum, das ja erst nach dem schreiben kommt, nicht mit dem inneren kritiker zu verwechseln. (der ist männlich. komisch, wa?)
während ich heute nicht mehr über die frage nachdenke, ob mit stift-auf-papier-schreiben etwas anderes ist, als auf der schreibmaschine oder dem klapprechner zu tippen (es ist anders! ich ignoriere es aber.), bemerke ich, ohne, daß ich vorher darüber nachgedacht habe, daß bloggen etwas mit mir macht, daß dieses so direkte etwas verändert. da stehe ich und sehe sofort einem mißverständnis direkt in die blauen augen, da frage ich mich ‘das ist soo gut, warum reagiert keine?’, da kriege ich das erste mal im leben einen so lyrischen kommentar einer lieben und nahen verwandten…
und wenn andere darüber klagen, daß die bloggerinnen noch viel zu sehr übers bloggen bloggen, sag ich: solange das notwendig ist, sollten wir das auch tun. es wird sich erledigt haben, wenn wir die dinge, die das mit uns macht, verinnerlicht, auf- oder angenommen, kennengelernt oder verworfen haben.
und: bloggen ist schön.

12 kommentare on “über das schreiben und das publikum”
lottezwo schrieb am 14.04.'07 um 20:18:
Dass es einen gewaltigen Unterschied zwischen Klapprechner und Stift & Papier gibt, ist mir letzthin wieder aufgefallen, als ich endlich, endlich mal wieder Tagebuch schrub. Erstaunlicherweise schreibt meine rechte Hand nämlich, so sie allein einen Füller führt und sich nicht mit der linken ein paar Tasten teilt, noch nach der alten Rechtschreibung… Aber sie schreibt nach wie vor sehr gern - und so verdammt anders als unterstützt…
Und dass mit dem “Ey, das war doch Brillianz pur, warum schreibt da niemand was zu, hat es etwa niemand bemerkt?” kenn ich auch…
Du, bleib bloß bei deinem Pusch’schen Stil. (Ein bisschen was bell hook’sches hast du ja btw auch mit der Kleinschreiberei.
) Das bist doch du. So wie manchem in realitas deine Nase nicht passt und dieser jemand dich meidet, so wird es den/die eine/n oder andere/n LeserIn geben, der/die das “frau” o.ä. kekst und deshalb nicht hier verweilt. Ja und? Das ist doch völlig normal. Es lebe die Individualität. Jede so, wie sie sich wohlfühlt.
Und du hast völlig recht: bloggen ist schön.
Wobei es auch sehr viel mit narzisstischer Egostreichelei zu tun hat, finde ich. Das dürfen wir auch nicht vergessen…
Usul schrieb am 14.04.'07 um 20:32:
Ich weiß nicht, ob ich den Abschnitt richtig verstanden habe mit dem das ist soo gut, warum reagiert keine, aber ich schreib mal was dazu, so wie ich es verstanden habe: Bei vielen Texten, die ich so lese und die wirklich toll, in sich geschlossen und vollständig sind, schreib ich keinen Kommentar. Warum auch? Wenn alles gesagt wurde, gibts auch nichts zu schreiben … außer vielleicht ein Bravo oder Dankeschön.
Das mit der männlichen oder weiblichen Form wird in meinen Augen überbewertet. Ich finde die Tradition, in vielen Fällen eher die männliche Form zu nehmen genauso falsch wie das Rumgehacke von wegen Gleichberechtigung, man müßte beides nehmen. Das Problem würde gar nicht existieren, wenn Männer einfach immer die männliche und Frauen immer die weibliche Form nehmen würde, dann wäre es relativ ausgewogen auf der Welt. Oder jeder nimmt wie er will, die Statistik wirds schon ausgleichen. Schreib mal so wie du willst, ehrlich gesagt ist mir gar nicht aufgefallen, dass du oft die weibliche Form benutzt. Ist halt einfach in meinen Augen unwichtig.
Ich hab das Gefühl, irgendwas vergessen zu haben …
lottezwo schrieb am 14.04.'07 um 20:44:
ICH BIN GEGEN BINARISMUS!!!!!1einself
Es gibt nicht nur Frauen und Männer. Oder aber du, Usul, kannst mal plausibel erklären, was denn eine Frau und was ein Mann ist. Versuch’s ruhig, da haben sich schon ganz andere die Zähne dran ausgebissen.
*grmblfx*
Usul schrieb am 14.04.'07 um 21:45:
@lottezwo
Dank Google hab ich mir mal deinen Beitrag über Binarismus durchgelesen. Auch wenn ich nicht wirklich verstanden habe, wo das Problem ist, würde ich doch gern mal wissen wollen, wie du es machen würdest. Also du bist gegen Binarismus. Gut. Aber wofür bist du dann? Oder mal am konkreten unwichtigen Beispiel: Schreibst du Leser oder Leserin? Weil beides ist für ich ja eigentlich untragbar, da das eine klar männlich und das andere klar weiblich ist, wovon du ja gern weg möchtest, wenn ich das richtig verstanden habe ….
Sei aber bitte nicht zu streng mit mir, ich glaub, ich hab noch nicht wirklich begriffen, worum es dir geht
blue schrieb am 14.04.'07 um 23:31:
ich muß jetzt schnell schreiben, weil ich aus dem zweiten leben komme und in eineinelf minuten 2 leute, die mich abholen (im 1. leben):
@usul: klar, ich selbst schreibe auch keine ‘hach, wie toll!’-kommentare (dochja, manchmal schon!), das will ich zwar eigentlich nicht, aber uneigentlich wäre das dann doch manchmal ganz… nein, was ich gern hätte wären so sachen wie das mit dem paris-gedicht. sowas wie ‘ich denke dabei an…’ oder ‘mich erinnert das an’… also, das, was es in dir auslöst, hier erzählt… daß meine geschichte andere geschichten hervorruft. aber manchmal geht das ja auch nicht, da ist die leserin einfach mal nur: leserin. und mehr nicht und das ist auch gut so.
@binarismus: noch nie gehört, das wort (ich bin eben zu lange zu weit weg von allen möglichen szenen und damit, nicht nur, was feminismus und gender-diskussion angeht, weitab vom schuß), werde mich aber belesen.
den vorschlag von usul (einem mann im übrigen, wenn ich hier äußern darf), daß alle die geschlechtsform hinschreiben, in der sie sich gerade befinden (diese formulierung ist absicht, um auch transgenders einzubeziehen), ist grandios! dann würden zur zeit nämlich alle politischen traktate von unsere kanzlerin die bürgerinnen und leserinnen, bloggerinnen und arbeiterinnen beinhalten.
generell bin ich der auffassung: in der “korinthenkackerin” ist der “korinthenkacker” schon drin, in den “bürgerinnen” sind die “bürger” sowie auch enthalten, wenn sich also jemand bemüßigt fühlt, irgendwelche abkürzungen zu nehmen und selbstverständlich irgendwen mitzumeinen, also, daß sich wer mitgemeint zu haben fühle, so finde ich meine variante besser, weil die “mitgemeinten” sprachlich definitiv mit drin sind und sich nicht irgendwas hinzufühlen müssen.
ohmygoddess, es klingelt!
Usul schrieb am 15.04.'07 um 7:41:
generell bin ich der auffassung: in der “korinthenkackerin” ist der “korinthenkacker” schon drin, in den “bürgerinnen” sind die “bürger” sowie auch enthalten, wenn sich also jemand bemüßigt fühlt, irgendwelche abkürzungen zu nehmen und selbstverständlich irgendwen mitzumeinen, also, daß sich wer mitgemeint zu haben fühle, so finde ich meine variante besser, weil die “mitgemeinten” sprachlich definitiv mit drin sind und sich nicht irgendwas hinzufühlen müssen.
Das ist natürlich eine sehr elegante, wenn nicht gar bequeme Lösung
Mir soll es recht sein, ich zieh mich an sowas eh nicht hoch, mir ist es egal.
lottezwo schrieb am 15.04.'07 um 10:30:
@usul:
Dass ich gegen Binarismus bin, heißt nicht, dass ich gegen Bezeichnungen wie Leser oder Leserin bin. Meinetwegen, dann ich drösel dir das alles mal auf und schreib dir eine Zusammenfassung der (gender)-Diskussion, wenn du magst. Das kann allerdings ein bisschen dauern, weil ich grad noch Arbeit aufm Tisch hab. Und schnellschnell kann ich dir das (augenscheinlich) nicht näher bringen.
Nur soviel vorab: Nur, weil es außer Leser und Leserin im Deutschen gerade keine Bezeichnung gibt, heißt nicht, dass es daran keinen Bedarf gibt. Es gibt ja außer Bruder und Schwester auch keine weitere Bezeichnung und durchaus Menschen, die nicht Bruder oder Schwester sind. Die (und jetzt benutze ich dieses furchtbare Wort) Betroffenen selbst kämpfen jedoch zunächst um einen rechtlichen Platz und nicht um einen grammatischen, weil sie per Gesetz noch immer nicht anerkannt werden und sich zwangsweise dem einen oder anderen juristischen Geschlecht zuordnen (lassen) müssen.
In den Vereinigten Staaten - und somit für die englischsprachige Welt - hat Kate Bornstein zwei neue Pronomen auf den Markt geworfen, weil die Pronomen she/he her/his für Kates Begriffe nicht ausreichend waren, da Kate selbst keinen davon so recht auf sich anwenden konnte. Diese Pronomen lauten ze und hir - und wurden mit großem Beifall von eben jenen Menschleins übernommen, die ebenfalls in keine der vorherrschenden, traditionellen Kategorien weiblich/männlich passen wollen.
Im Deutschen gibt es bisher nichts Vergleichbares.
blue schrieb am 17.04.'07 um 11:20:
Lotte, vielleicht sind mir die “betroffenen” pertöchterlich grad zu fern (ich bilde mir ein keine selbst zu kennen, aber das kann sich ja noch ändern) und so fänd ich es erst einmal wichtig und angebracht, die eine hälfte der menschheit in der sprache zu erfassen und mitzumeinen. dann, glaube ich, kann ich mich noch um die achtel und sechzehntel kümmern und gucken, wie ich die miteinbeziehe.
bartynova schrieb am 18.04.'07 um 8:12:
Eine umsetzbare Lösung zur Erweiterung/Neutralisierung/Man-Befreiung der Sprache ist mir auch noch nicht so recht eingefallen, und in der Genderdebatte kenne ich mich gar nicht aus. Allerdings denke ich, dass, auch wenn häufig in der sprachwissenschaftlichen Theorie keine Verbindung zwischen dem Geschlecht und der maskulin/feminin-Formulierung existiert, Leute in der Praxis diese herstellen.
Ich habe mal für meine Firma eine Begrüßungsmappe für neu eingestellte Personen konzipieren dürfen mit der Auflage, diese so zu formulieren, dass sich alle Neuen gleichermaßen angesprochen fühlen sollten. Das ging über das übliche “MitarbeiterInnen” deutlich hinaus, welches ich bisher aus BWL-Studium und Arbeitsleben kannte. Insbesondere die Rückmeldung von weiblichen Kollegen darauf war beeindruckend: Es sei geradezu entspannend, das zu lesen, weil das Gehirn nicht ständig diese Übersetzungsarbeit machen müsse.
Eine gelüngene Beiträg zür Hörizöntsieweitsierüng in Sächen Spräch ist meinsie Meinüng äuch die Feminispräch von Stefanie Überall von den Missfits, nachzulesen unter http://de.wikipedia.org/wiki/Missfits
blue schrieb am 18.04.'07 um 10:19:
in der sprachwissenschaftlichen Theorie keine Verbindung zwischen dem Geschlecht und der maskulin/feminin-Formulierung existiert
echt? gut, daß ich mich mit der (männlichen) sprachwissenschaft nicht befasse. den zusammenhang stellt ja schon Mark Twain in seinem text über die deutsche sprach (mit der möhre und dem mädchen) her…
lottezwo schrieb am 18.04.'07 um 11:53:
Ich wiederhole mich gern: jeder/jede/jedes so wie er/sie/es mag.
Nur so kann’s gehen.
Roland Kopp-Wichmann schrieb am 27.04.'08 um 11:02:
Ja, der innere Kritiker sieht sich eben als Experte in jedem Gebiet und mischt sich überall ein.
Wie man mit diesem inneren Anteil umgehen kann, wie er entstanden ist usw. habe ich in einem längeren Artikel beschrieben.