Wenn Schleier fallen
“Das ist der Raum mit der Wolfmutter Tapete…” Ich habe mir bisher von keinem Buch so sehr gewünscht, daß mich seine Weisheit beeinflussen möge & sein freier Geist Spuren in meinem Leben hinterlassen solle. Berührt hat es mich schon längst. Wenn es wirklich um meine Entscheidung zwischen Krankheit und Kreativität ging, wenn diese Tage wirklich meine Entscheidung für das Leben waren, so war das heilsame Wochenende eingebettet in dieses Buch.
“Ein Jude und ein Araber eröffnen in New York…” Ha! Als ob es darum ginge! Gestandenermaßen ist mir nicht ganz klar, warum ich nach dieser Beschreibung von The Wolfmother Wallpaper den Roman auf meine Wunschliste gesetzt habe & vielleicht war es eine ebensolche Bauchentscheidung meiner Schwester, mir das Buch zu schenken. Ohne irgendwelche Erwartungen habe ich mich in die Geschichte begeben, von der geschrieben wird, es ginge um den Nahen Osten. Da ich da zuwenig Durchblick habe, um nicht auch auf das Stichwort Naher Osten “Teppiche!” zu denken, bin ich nun umso erstaunter, daß mir nun das Nah-Ost-Problem zwar nicht nachvollziehbarer, wohl aber etwas verständlicher geworden ist. Dafür herrscht in eine Klarheit in meinem Kopf und in meinem Herzen, als hätte ich den Tanz der Sieben Schleier persönlich miterlebt.
“Ein Araber und ein Jude…” Ha! Darum geht es auch, aber in Wahrheit geht es um wesentlich mehr: Es geht um eine Frau, einen Mann & die Liebe, es geht um die Entscheidung zum Künstlersein, um die Freiheit im Herzen, Religion & Politik, sexuelle Kraft und die Energie der Begierde, Ekstase, Zeit und Langsamkeit, Erkennen, Bewußtsein und das Universum mit den belebten und unbelebten Wesen darin. Das ist Spiritualität, oder? Völlig erstaunt registrierte ich nach einigen Seiten: es geht um die Große Göttin. Um “… die Verehrung Astartes. Weil diese Verehrung ansteckend war (denn sie ist ein instinktiver menschlicher Reflex), weil sie den harten Griff des Jahwe-Kultes schwächte, wurde Jezabel verleumdet, verfolgt und schließlich ermordet…” (S. 70) Die Krämpfe & Kämpfe des Morgen- wie auch des Abendlandes mit all den Religionen, Institutionalisierungen, Politik und Geld werden immer absurder im Angesicht von gesundem Menschenverstand, einer magischen Sprache & Botschaften, die die Klugheit und Dummheit von Herzen, Dingen & dem All in sich bergen.
Diese Magie der Sprache läßt dich tief Atem holen, du willst den Sätzen nachfühlen & sie auf der Zunge schmecken. Manche Sätze wollte ich am liebsten nochmal zum ersten Mal lesen, um den Schauder oder auch Schock noch einmal zu erleben. Ganz langsam wollt ich’s lesen, um nur ja keins dieser Wunder zu verpassen oder gar zu zertreten.
Und das alles so schnell oder langsam, schicksalhaft wie das Leben selbst. Gut, du fängst halt einen Roman an; das Amerika dieser Tage, ein frischvermähltes Paar auf der Reise in einem unmöglichen Auto… Und ein paar Seufzer weiter, nur einen Lidschlag entfernt läßt Tom Robbins plötzlich ein paar Figuren auftauchen, die in Alice’ Wunderland sich nicht phantastischer hätten ausnehmen können.
Ich habe mir nun eine Dose Bohne aufgemacht, die seit Jahren in meiner Speisekammer stand & sie sehr genau angesehen. Ich kann mich nähren & durch Erfahrungen wie dieses Buch auch heilen. Das Leben ist im Fluß und ich bin (wieder) mittendrin.
Liebe Schwester, frag mich nicht nach Bewerbungen oder einer Wohnung in Berlin. Gib mir nicht ungefragte Ratschläge wie den, ich solle Therapie machen. Dazu bist du zu wenig kompetent, was mein Leben & meine Seelenzustände angeht. Mit diesem Buch hast du mir geschenkt, was mit allem Sorgen und Gedankenmachen niemals zustande kommen kann. Wenn ich gestern noch wütend über dieses Telefonat war, so bin ich jetzt ganz weit & dankbar: Tom Robbins, daß er dieses Buch geschrieben hat, Louffi, daß sie mir davon erzählte & dir, daß du es mir geschenkt hast.
“Dann würden sie erkennen, daß ihre große Aufgabe im Leben nichts mit einem Kampf zwischen Klassen, Rassen, Nationen oder Ideologien zu tun hatte, sondern eher darin bestand, daß man ganz individuell versuchte, seine Seele zu öffnen, sein Bewußtsein zu erweitern und seine Gedanken zu beflügeln…” (S. 538)
“Sollte sie sich wieder als Künstlerin betrachten? Konnte man sich aussuchen, ob man Künstler war oder nicht? Waren in der Kindheit erst bestimmte Einflüsse in Gang gesetzt, dann war man Künstler oder nicht, und wenn man einer war, dann konnte man sich aussuchen, ob man ausstellen konnte oder nicht, ja sogar, ob man malen wollte oder nicht. Oder anders gesagt: Man konnte sich einer Karriere als Künstler widersetzen, ein Leben als Künstler ablehnen und trotzdem Künstler sein. Wirklich? Oder war das nur Semantik? … Talent war nur die Grundlage. Um Künstler zu sein, mußte man auch Nerven haben. Und um die Nerven zu behalten, brauchte man Ansporn. Offenbar hatte sie ihren Antrieb verloren. Doch wenn sie ihn wirklich verloren hatte, warum quälte sie sich dann so? … So ging es Nacht für Nacht, bis sie schließlich verzweifelt nach dem Vibrator griff, um sich ein wenig abzulenken…” (S. 353)
Tom Robbins, Salomes Siebter Schleier
Hamburg, 2006
ISBN 3 499 13497 7

17 kommentare on “Wenn Schleier fallen”
Wolf schrieb am 01.03.'07 um 23:21:
Dass Tom Robbins, an dessen Buntspecht man in einem früheren Leben Englisch trainiert hat, so ein spiritueller Volltreffer sein kann, erstaunt mich jetzt - aber freudig.
Der letzte Absatz über Künstlertum erinnert mich an die tiefe Wahrheit in der Artmannschen Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes (ohne den Vibrator). Gute Gesellschaft. Glimmt im Dunklen.
blue schrieb am 03.03.'07 um 15:35:
Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.
oh, dieses act-dings gefällt mir! und im ‘buntspecht’ geht es ‘um das problem der rothaarigen’? *grins*, das brauch ich auch, fürchte ich.
das zeug auf englisch zu lesen: ich würde gern wissen, wie sich die worte im orginal machen. gleichzeitig bin ich froh, es auf deutsch da gehabt zu haben. ich würde wie ‘blau wie aalspucke’ nicht übersetzen können…
Wolf schrieb am 04.03.'07 um 0:18:
Ohne gerade so konkrete Beispiele herbeizerren zu können: Solche skurrilen Gaudibücher sind gemeinhin recht unbefangen übersetzt. Seit Erika Fuchs ist ja auch der Look & Feel wichtiger als was der doofe Langenscheidt sagt.
Rothaarige sind ja das Problem, das man am liebsten um sich hat…
blue schrieb am 04.03.'07 um 14:50:
gaudibücher? ich hoffe, damit ist nicht der siebte schleier gemeint? und den satz mit den rothaarigen nehm ich gleich mal in mein bewerbungsschreiben auf *grins*
Wolf schrieb am 05.03.'07 um 3:53:
Speziell den siebten Schleier kenn ich nicht, aber “Gaudibücher” mein ich gar nicht so abwertend, wie es bairisch klingt
Die weisesten Bücher und sonstwas für Medien sind oft die, in denen es was zu lachen gibt. Pratchett, Monty Python, Artmann, die letzten etwa 30 Jahrgänge der “Titanic”, durchaus auch Robbins…
Und wir haben entweder die gleiche Aversion, uns online allzu ausführlich selbst zu bebildern, oder den gleichen Mädelsgeschmack
blue schrieb am 05.03.'07 um 4:54:
achsoja. ich blogg ja hier so halb anonym. aba das könnt ich ja nu au ma lass’n…
Wolf schrieb am 05.03.'07 um 5:30:
Och, meine Stalkerqualitäten sind rudimentär
blue schrieb am 05.03.'07 um 12:40:
nein, ich meinte es andersrum: ich hab ja nun keinen grund mehr (keinen chef mehr) und könnte daher die welt über meine rothaarigkeit und andere details aufklären.
in der haarfarbe hab ich absolut kein beuteschema, wäre auch schlimm, so wie sich heutzutage die frauen haare färben…
du solltest diesen beitrag hier aber als ‘lesebefehl’ verstehen, das ist absolut überhaupt gar kein gaudibuch. auch nicht nach der nachgeschobenen definition.
Wolf schrieb am 05.03.'07 um 23:24:
Robbins ohne Gaudi? Okay, ist auf der Liste.
May peace & plenty be our lot.
blue schrieb am 05.03.'07 um 23:39:
das klingt jetz au wieda irngdwie falsch (be our lot)!
wunschliste -> \”selbstgespräche sicher führen\”!! schenkelklopf!! (ist auf meiner auch drauf
) und Max Goldt kannst du noch lesen? ich hab mir den neulich mal gönnen wollen: so richtig aufs sofa inszeniert, getränke, kissen (drunter! falls ich rausfall vor lachen!) und dann hab ich mich zu tode gelangweilt. beziehungsweise an mancher stelle richtig sauer geworden, wie der die leute behandelt… dachte, das läge nu am alter… ?
Wolf schrieb am 05.03.'07 um 23:51:
Das erste kritische Wort seit seit 1989, das ich über Max Goldt höre. Wusst ich’s doch, dass es irgendwann fällig wird… Die letzten drei Bücher hab ich auch schon nicht mehr, aber er kriegt noch eine Chance…
“May peace & plenty be his lot” is eine Zeile aus einem anderen Wunschlisten-Item. Kerniges Jungsgegröle, muss man mögen
blue schrieb am 05.03.'07 um 23:55:
1989 hätte ich nix kritisches gesagt. da habe ich das in cafés vorgelesen bekommen und meiner großmutter vorgelesen – soweit mir vor lachen möglich war. ich dachte echt, es wäre ‘ne altersfrage…
das jungsgegröle sagt mir gar nicht, vom cover und deiner beschreibung her aber auch nicht zu
Wolf schrieb am 06.03.'07 um 0:04:
Hätte mich auch gewundert
Max Goldt eine Altersfrage… Interessante Überlegung… Wobei man glauben sollte, dass der selber auch nicht jünger wird… La Riesenmaschine vergöttert ihn immer noch, aber die lassen deutlich schneller als nach 18 Jahren nach.
blue schrieb am 06.03.'07 um 0:12:
naja, es ist ein versuch der erklärung. wie mir halt whisky-cola auch nicht mehr schmeckt. ansonsten kann ich mir diesen sinneswandel nicht schlüssig erklären: ich wollte von dem JEDES buch, ihm die füße küssen und hab nach jeder titanic gegriffen, die wo rumlag.
und nun ätzt der mich so an, und nicht was neues von ihm, nein genau das buch, daß mich vor jahren so ins entzücken versetzt hat. was kann das denn sonst sein? zuviel saure gurken gegessen? zuviel krimis gelesen? zugegeben, überschriften wie ‘geweihe brennen schlecht’ sind immer noch gut. mich hauts bloß nicht mehr weg
Wolf schrieb am 06.03.'07 um 0:30:
Mir hat mal eine erklärt, so Sachen wie plötzlich Käse mögen oder sich an fettes Fleisch gewöhnen - oder parallel andersrum: sich von Whisky-Cola entfernen -, das wären Wachstumsschübe. Klingt schon logisch. Irgendwann findet man sich dann auf einer Ottomane wieder, wie man mit Gewinn Marcel Proust liest. Ich hör ja schon Country
blue schrieb am 06.03.'07 um 0:59:
ja, auf die Proust-phase warte ich noch. auf Dolly Parton jetzt nicht so sehr. wie hat es dich in die ecke getrieben? wobei… k. d. lang hat wohl mit country angefangen, was?
Wolf schrieb am 06.03.'07 um 1:14:
Ach, Dolly Parton verhält sich zu Country wie Ingrid Peters zu Tori Amos… Als Country für Leute, die nix mit Country anfengen können, empfehl ich immer Freakwater, und da am besten die Feels Like the Third Time.
Wie man da himkommt? Gute Frage… Vielleicht, indem man eine frühe Lieblingsplatte hat, ohne zu wissen, dass das Country sein soll, und später feststellt, dass Herr Kristofferson ein entfernter Kollege von mir ist - ?
Wenn ich mich danach drängle, mit meinem Vater zum Countryfrühschoppen zu gehen, soll mich bitte trotzdem jemand zurückpfeifen