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schreiben…

schreiben… ja, schreiben könnte heilsam sein. schreiben als heilung… aber ich schreibe nicht, wenn ich nicht so sprechen kann: ich schreibe nicht, wenn keine mit mir spricht (wie eine freundin, eine therapeutin, mitpatientin oder Gesa…)

schreiben als heilung… ja, es wäre heilsam, wenn ich schriebe. allein ich weiß nicht mehr wofür, wogegen oder für wen ich schreiben könnte. früher schrieb ich für mich selbst und für alle die, die so sind wie ich. früher hab ich für frauen geschrieben: mir selbst so fremd in so vielen dingen und doch aber so ähnlich. ich habe auf verdacht geschrieben: den verdacht, daß eine sich wiederfindet, daß es einer ähnlich ging oder geht, daß eine sowas fühlen kann, was ich fühle.

und so war es auch!

das größte geschenk, das eine leserin mir machte, war ihr eigenes wiederfinden in einem meiner texte. der text enthielt blicklosigkeit, verlassenwerden, verlassensein, zweifel und die alldem innewohnende sehnsucht. und für sie war es ihre liebesgeschichte, ihr ‘er’ war nach Paris gefahren, wo ich zum zeitpunkt des schreibens noch nie gewesen war, er hatte sie aus den augen verloren und unsere augen trafen sich, als hätte er sie nie so verstanden, wie ich sie mit meinem gedicht.

dabei hatte ich nicht an sie denken können, als ich es schrieb, weil ich sie nicht einmal mehr kannte und ich werde sie auch nie richtig verstehen, weil sie männer liebt, aber sie hat sich in meinem text wiedergefunden, als hätte ich ihn für sie geschrieben.

vielleicht war das auch so. ich, die ich meine eigenen texte meistens gar nicht verstehe und sie als ausgeburt meines inneren surrealismus, meines ureigenem symbolismus oder inzwischen auch meiner geliebten zusammenarbeit mit Dream/Morpheus, dem Herren Des Träumens ansehe, ich stehe meinen texten so fremd gegenüber wie gedichten anderer leute. in einer therapie ist es mir passiert, daß ich texte, die ich vor 5 oder mehr jahren geschrieben hatte, plötzlich verstand…

aber für diese frau hatte ich ein gedicht geschrieben, das ihr sehnen beschrieb. oder ihr leiden oder ihren liebeskummer. mein text war in Paris, wo ihr liebster war und ich damals noch nicht und meine liebesgeschichte, die freilich auch in diesen wörtern verwoben war, trat zurück und gab frei, was vermutlich aus dem großen eisberg des gemeinsamen unterbewußtseins gewoben wird…

ja, so hab ich mal geschrieben… und ich glaube, um genau so etwas ging es mir… so, wie ich meine eigenen liebesgedichte immer erst _hinterher_ verwendet habe… also: angewandt. einer frau gesendet oder ihr auf den kopf zugesagt oder gemeint, daß diese augen/wölfin/blüte _sie_ gemeint habe… wie ich auch gerne liebe(sgedichte) so weiträumig oder großflächig formuliere, daß sie vieles meinen können: manchmal bin das DU ich und manchmal ist du ICH. daß “sie” ab und zu ich ist oder du, oder die welt oder eine landschaft… ich kenne nur eine einzige frau, die mich an diesen stellen ab und an mal zu klarheiten drängte…

daß ich nicht mehr schreibe, hat vermutlich viele gründe… und wenn der letzte grund in meinem letzten klinik-aufenthalt liegt. (das tut er: ich habe vorher wenigstens ‘morgenseiten’ geschrieben. drei seiten runterschreiben, egal was kommt, zur klärung von hirn und seele, nach Julia Cameron. und ich hab es mir dort abgewöhnt, weil ich es einfach nicht in die tagestruktur eingebaut bekommen habe…)

aber ich will schreiben. so, wie ich auch malen will und schmuck machen oder kleine dreidimensionale kunstwerke. ich kann mich noch immer nicht zwischen all den künsten entscheiden, die mir gefallen oder die mich ausmachen (natürlich will ich auch weiterhin singen – meine eigenen texte zum beispiel – und theater-spielen – um meinem eigenen selbst zu entfliehen, bestandteile von mir, die nicht zum tragen kommen, auszuleben oder aber emotionen und konflikte, die ich selbst nicht erlebt habe, nicht erleben durfte oder konnte, ausagieren zu können…)

das hier ist der platz zum schreiben. und inzwischen sind hier sowenig besucherinnen, daß ich mir eigentlich alles erlauben kann. und wenn jetzt jemand mit ‘meta’ kommt, dann möge mir der- oder die-jenige bitte erstmal die meta-ebene erklären…

ich sollte einfach mehr schreiben…

klassentreffen…

es ist die klinik, die dich fertig macht, ja? fragt meine liebste… ja, das auch… unter anderem. das “andere” kann ich – wie üblich – nicht richtig beschreiben. aber jetzt fällt mir was ein: da ist ein klassentreffen. ich frage mich seit meine mutter auf ihren klassentreffen war, wie das wohl sein möge… und habe immer geträumt von klassentreffen. vor allem, als ich noch in diesen unsäglichen schulen und miesen klassen”kollektiven” vor mich hindämmerte, versuchte zu überleben und mir eine zukunft als schöne, starke frau erträumte. als ich noch glaubte, ich würde lehrerin werden (die einzige möglichkeit, die ich zu ddr-zeiten sah, um kunst und literatur zu studieren) und dachte, ich würde in historischen klamotten aus den 20er bis 60er jahren mit einer original alten ledertasche in die schule spazieren und dort den kindern beibringen, daß die gedanken frei seien und kunst schon immer subversiv, wenn sie gut war. als ich noch glaubte, aus mir würde eine starke und glückliche frau, meinetwegen künstlerin, auf jeden fall eine, die ihr potential kennt und ausschöpft.
daß andere mein potential sehen konnten, wurde mir auf meinem abi-abschluß-ball bewußt: ich kam – wie üblich oder war es mein letzter aufschrei in dieser stadt? – zu spät, ich mußte mein zeugnis nachher irgendwann tagsüber in der schule abholen, ich hatte mich schön wie nie gemacht und so viele lehrerinnen sagten mir, sie wollten später von mir hören… später, wenn etwas aus mir geworden wäre. das sagten sie, als ich ihnen erzählte, daß ich ans theater ginge und dort in der requisite arbeiten wolle. den job hatte ich schon in der tasche und diese lehrerinnen meinten, daß das zu klein für mich sei… für den anfang vielleicht ganz gut, aber…
heute ist dieser job das highlight in meinem leben, dem ich noch immer nachtrauere und wovon ich träume wie von dem haus meiner kindheit. dort gegangen zu sein ist noch immer der schlimmste fehler, an den ich mich entsinnen kann (und in schlechten zeiten kann ich mich an weiß-göttin-viele fehler erinnern!) und dort wieder hinzukommen eines meiner geliebten, großen und irgendwie unerreichbar scheinenden ziele.

und dann kamen keine klassentreffen. nicht, daß sie uns nicht hätten finden können, meine zwillingsschwester (die allgemein beliebter war als ich) und mich: unsere mutter arbeitete noch immer als ärztin in der kleinen stadt, über sie wären wir jederzeit erreichbar gewesen: es gab keine klassentreffen. weder von den schulen, die ich mochte, noch von den anderen.

und jetzt gibt es eins: im September. gerade von der schule, die ich noch so mochte: an der grundschule von der ersten klasse bis zur 5., wo wir dann umgeschult werden mußte, hab ich mich wohlgefühlt. wir hatten einen guten stand: erstens mal waren wir gut, das zählte an dieser schule noch etwas und dann hatten wir einen sozialen status. der wurde sicherlich hauptsächlich durch meine schwester genährt, die schon immer diplomatischer war als ich und mehr sozialkompetenz bewies, aber in dieser klasse war ich auch beliebt, ich war halt nur nicht ganz so gesellig wie sie. aber ich hatte zum beispiel freundinnen und eine beste freundin – das ging dann später überhaupt nicht mehr. ob nicht mit mir oder nicht mit den leuten in der neuen klasse, weiß ich nicht.
und genau von dieser schule, an die ich mich die restlichen 5 jahre meiner POS-zeit zurücksehnte, gibt es ein klassentreffen. und ich kann nicht hingehen!
alles, was ich denen zeigen könnte wäre: wenn eine von großem träumt, fällt sie auf die fresse. frauen, die künstlerinnen werden wollen, scheitern an ihrer entscheidungsunfähigkeit. und lesben haben nicht nur wechselnde partnerinnen und leben – freiwillig oder unfreiwillig “promisk” – sie können auch mit ihrer art zu lieben nicht auf dauer glücklich werden, immer nur für ausschnitte ihres lebens.

die aussage, die mein erscheinen dort zur folge hätte wäre: träumerinnen, lesben, künstlerinnen und frauen, die sich zu was größerem oder höheren berufen fühlen, scheitern bitterlich und enden als depressive sozialhilfe-empfängerinnen und auf fraglichem niveau…

wie könnte ich meinen mitschüler_innen da sagen, daß ich sie 5 jahre lang in so guter erinnerung hatte, daß ich mich so lange immer nach ihnen zurückgesehnt habe und daß ich hinterher noch immer glücklich war über jeden klatsch und tratsch, den ich von ihnen hörte? wie könnte ich meiner besten freundin aus der zeit meine ängste und meine trauer mitteilen, die ich um sie hatte, als meine mutter glaubte, sie könne mit uns nach Leipzig ziehen? ich habe damals ein großes gedöns gemacht um ein armband oder so, was sie unbedingt tragen solle…
(und wie wäre mein leben verlaufen, wenn wir damals wirklich nach Leipzig gegangen wären? die wohnung war in Connewitz, also wirklich allerallerbestes Connewitz!)
wie könnte ich denen beschreiben, welche trauer mich umgibt, wenn ich an einen unserer jungs denke, Mike: er war furchtbar lieb, nicht besonders helle vielleicht, aber an sich ein grundguter kerl und er konnte kraft haben, aber die hat er nie eingesetzt. in unserer schulzeit war er einfach nur nicht besonders gut in der schule, aber sonst nicht weiter behindert oder so. irgendwas war an seinem bein nicht in ordnung und das muß mit der zeit schlimmer geworden sein… jedenfalls ließen ihn seine eltern deshalb operieren. und dabei muß etwas ziemlich schief gelaufen sein, jedenfalls hatten sie danach einen geistig behinderten Mike zuhause und machten sich sorgen, wer sich um ihn kümmern würde, wenn sie nicht mehr sind… er ist inzwischen gestorben. ein lebhafter, liebenswürdiger kerl, der nicht doll in der schule war, aber ein bißchen in meine schwester verliebt…
wie gerne würde ich zu seinem gedächtnis irgendwas machen zu so einem klassentreffen. vielleicht einfach nur sagen, daß ich ihn auch furchtbar mochte…

aber ich kann da nicht hin… nicht mal mehr, wenn meine schwester auf die schöne idee käme, wir würden dort erzählen, ich hätte die post-it’s erfunden

(meine schwester kommt nicht auf solche ideen… aber ich hoffe, sie versucht irgendwie, meinen “ruf” – was immer das sein könnte – unbeschadet zu lassen, wenn sie hingeht…)

reise

ein terminkalender ist geplatzt
leise, blutig & schwarz

der kuß eines windhauchs,
die schwachen wehen der erinnerung

ein stück stoff, etwas leder
und darunter — der schnee

glänzende blätter, der regen von gestern
& roter, wilder wein

das wetter mache sie traurig,
sagt die alte frau
wo doch der wein so rot & so wild ist

ich reise…
und später erst der schnee

ich reise
die erinnerung reist mich
reißt mich weg
reißt mich mit

mittendrin reiße ich

blutig & schwarz
reise mittendrin
blutig vom grün

das blaue mädchen, herbst 2003

über das schreiben und das publikum

früher habe ich gedichte geschrieben. von denen habe ich mir sehr gewünscht, sie mögen veröffentlicht werden.

ich stellte mir ein leben als dichterin vor: mit verworrenem haar, manchmal wirrem blick, sehr spätem aufstehen und skurrilen abenden in kaffeehäusern, so, wie ich mir Else Lasker-Schüler vorstellte und einen freund sah, der, wenn ich noch auf dem laufenden bin, heute als dichter und seefahrer lebt. meine texte würden in schmalen bändchen stecken, mit wunderschönen mustern auf dem buchdeckel, so richtig gedruckt, daß du die buchstaben auf dem papier mit den fingerspitzen ertasten kannst und zwischen den zeilen riechen.

ich stellte mir vor, daß mir leute erzählen würden, wie sie meine texte, die ich zumeist selbst nicht verstand, gelesen hätten, was sie sähen und was das mit ihnen gemacht hätte.

einige meiner texte wurden in einer sehr schönen und niveauvollen frauenzeitschrift veröffentlicht. ich war stolz! die frauen, die dieses heft produzierten, hatten einen ungemein hohen stand auf meinem inneren ruhmes- und bedeutungstreppchen und daß sie meine texte auswählten, das war… ach, einfach wunderschön auf meinem weg als dichterin.

aber es kamen nicht so die gespräche. ich sehe kunst und damit texte als medium: also als mittel. mittel der kommunikation meinetwegen. ich glaubte und glaube das noch heute: ich mache einen text und den lasse ich in die welt los. dort führt der text ein eigenes leben: er wird gefunden, aufgesammelt, gelesen, weggeworfen, an die wand gepinnt, egal gefunden, lieb gehabt oder gehaßt. und manchmal würde mir das erzählt werden.

einmal war das so: ich hatte einen text mit liebe und paris und augen geschrieben und eine frau, die später gute freundin werden sollte, erzählte mir, daß das ihre liebesgeschichte mit einem mir völlig unbekannten T. war. und ich hatte das aufgeschrieben! das war ein schöner moment. … so etwas wollte ich mit meinen texten.

was aber mehr kam, war die frage nach der bedeutung. eine fatale folge von schiefgelaufenem literaturunterricht, möchte ich meinen.

ich schreibe heute ziemlich wenig das, was ich gedichte nenne (kommt von ver-dichten), sondern ins internet. ich blogge. was nichts mit den texten von damals zu tun hat, oder wenn, dann nur selten. (was mit dem dichten noch am ehesten zu tun hat ist in den kategorien texte und das leben zu finden) und bei meinen texten dachte ich nie ans publikum.

anders ist das beim bloggen: es ist ja auch viel schneller “in die welt geschmissen”, so ein text. das heißt, ich schreibe viel eher auch mal einen schönen link hier rein, einen beitrag über irgendeine software oder was wegen webdesign. ab und an aber gibt es was verdichtetes. aber auch eher in prosaischer form. (sowas wie “frühlingsgefühle ” zum beispiel).

und beim bloggen hast du direkt den kontakt zum publikum. während ich einige jahre ohne kommentare lebte (und gar nicht verstanden hatte, wozu die gut sein sollten, ich schreibe schließlich hier), habe ich die kommunikation, die damit möglich ist, endlich kapiert. klasse! die leute reden mich direkt drauf an! das hätte ich damals haben sollen! ich hätte gedichte ohne ende gebloggt!

aber es macht auch etwas mit mir: ich denke beim schreiben an mein publikum. ob das gut ist? ich denke noch immer, es wäre besser, so zu schreiben, als läse es keine/r. daher meine verwunderung, daß 500beine sozusagen life schreibt.

ein beispiel: weil ich so frauenzentriert bin und Luise F. Puschs arbeiten sehr schätze und zu verinnerlichen versuche, schreibe ich hier ziemlich konsequent die femininen formen hin. leserinnen, bloggerinnen und sowas. seit ich aber mitgekriegt habe, daß hauptsächlich männer hier kommentieren (heißt das auch, daß mehrheitlich männer das hier lesen? oder kommentieren die frauen bloß weniger?), überlege ich mir schon, wie das “ankommt”. ja, bin ich denn blöde? das ist mein blog, wenn ich hier nicht schreiben kann, wie ich will, wo denn dann? und sind die irritierung oder die fragen, die das eventuell mal auslöst, nicht gerade wichtig und genau das, was die linguistinnen und muttersprachforscherinnen gerade wollen mit ihren diskussionen und ansätzen? also, tapfer weiter so geschrieben und versucht, das publikum, das ja erst nach dem schreiben kommt, nicht mit dem inneren kritiker zu verwechseln. (der ist männlich. komisch, wa?)

während ich heute nicht mehr über die frage nachdenke, ob mit stift-auf-papier-schreiben etwas anderes ist, als auf der schreibmaschine oder dem klapprechner zu tippen (es ist anders! ich ignoriere es aber.), bemerke ich, ohne, daß ich vorher darüber nachgedacht habe, daß bloggen etwas mit mir macht, daß dieses so direkte etwas verändert. da stehe ich und sehe sofort einem mißverständnis direkt in die blauen augen, da frage ich mich ‘das ist soo gut, warum reagiert keine?’, da kriege ich das erste mal im leben einen so lyrischen kommentar einer lieben und nahen verwandten…

und wenn andere darüber klagen, daß die bloggerinnen noch viel zu sehr übers bloggen bloggen, sag ich: solange das notwendig ist, sollten wir das auch tun. es wird sich erledigt haben, wenn wir die dinge, die das mit uns macht, verinnerlicht, auf- oder angenommen, kennengelernt oder verworfen haben.

und: bloggen ist schön.

frühlingsgefühle

ich habe die weihnachtspost von F. jetzt erst gefunden. und war derart gerührt! er hat sich, als es mir am dreckigsten ging, doch gemeldet. und er schreibt sonst nie! von meiner abwesenheit berichtet. von lücken, deutlichen, mit meinen umrissen.

mit ihm habe ich meine kindheit verloren. wir saßen beide wie erstarrt & trauerten ihr nach: “wir können nicht mehr spielen!”. mit ihm auch habe ich meine großmutter verloren. aber da sagten wir einander nichts mehr, wir waren zu erwachsen geworden.

in dem jahr jedoch, wo ich meine heimat verlor, da hab ich mich verraten gefühlt von ihm. angepaßt bis ins letzte an möglichkeiten, die doch nie seine waren? er hat meine heimat bis heute behalten. und sah meinem schmerz & aufbäumen verständnislos zu. “Beziehungen sind filigrane Geschöpfe. Da sagt man nicht einfach, was einem nicht paßt.” so weit weg von dem was wir waren. und wir waren erfinder, zauberer, ganz frei & unabhängig in unserem denken. das hatten wir uns beide über die jahre durch eine gewisse unzugänglichkeit erkämpft.

ich habe damals nicht länger drüber nachgedacht. ich habe alles getan, um aus dem loch wieder herauszukommen. nur eine woche krank! ich bin doch erwachsen. schließlich. und ich habe das gefühl seines verrates verdrängt, wie die vielen verletzungen, die seine abwesenheit IN seinen umrissen für mich zuvor schon bedeuteten.

die erde, die meine füße berührt, ist immer diesselbe wie DORT. aber manchmal ist der himmel schöner und manchmal die menschen als anderswo. ich habe nie nach Theben gesucht oder mein Jerusalem. ich hatte ja immer den garten meiner großmutter. nun weiß ich, daß der in meinem herzen liegt. und zwar nicht begraben, nein, er blüht! ich habe an der heimat stelle die ganze welt geschenkt gekriegt. ich wollte gar nicht. der preis war zu hoch (die heimat!). aber sie ist da. die welt! und ich erinnere mich dennoch die wiese an der cyriaksruine runter. ich erinnere mich vor die pappeln am fluß. die saalewiesen an den froschteichen, die immer mehr eintrockneten von jahr zu jahr. die weiden. die strohschütten und maisfelder, die feuer auf beiden bergen links und rechts vom fluß. da flitzen kleine tiere durchs gras meiner seele, da schaue ich auf pure romantik, da tosen die wasser übers wehr an der mühle. es gibt eine heimat in meinem herzen, einen garten mit grünem, mit bäumen und all dem. da schlaf ich in dem alten zimmer am hof. dann trägt mein herz kleine rote hosen & tut an einer klitzekleinen stelle ganz furchtbar weh. aber ich habe die welt nun außerdem & zum ersatz: wenn ich nur genau hingucke, dann ist da dies grün wie die rhababerblätter hinten zur gasse hin, dann kreischen die schwalben auch andernorts wie in jenem Juli & es gibt eine weide, die mich birgt.

eisbärtraum

wir sind in C. im haus meiner großmutter angekommen und weil es schon dunkel ist, habe ich die haustüre verschlossen, den schlüssel aber nicht in den briefkasten daneben gehängt, sondern auf das schlüsseltellerchen auf der kommode gelegt.
meine tante kommt mit einem eisbären die treppe hinunter. wir setzen uns vor schreck auf den schuhschrank und diese kommode. sie hält das fast ausgewachsene tier nur am halsband fest und in der fummelei mit dem haustürschloß läßt sie ihn versehentlich los. der eisbär kommt natürlich sofort zu mir, ich kann die langen krallen an seinen pranken auf meinen knieen sehen. sonst ist er eigentlich ganz lieb und guckt niedlich, aber wir haben halt angst.
spaziergang mit dem eisbären und einem dackel und einem etwas größeren hund durch den ort, die gasse richtung fluß hinunter. dabei wird natürlich diskutiert – meine tante hat sich einen eisbären zugelegt! während ich mir eher sorgen mache, daß der eisbär vielleicht nur spielen will und aber mit diesen krallen (ich hab sie ja gesehen!) kann er doch einfach aus versehen den armen kleinen dackel töten. das hauptargument gegen dieses neue haustier kommt aber von jemandem anderen: der eisbär wird nachts bis jetzt noch in der küche eingesperrt und da traut sich nun keine/r mehr rein, mein cousin kann also nachts nicht mehr in der küche himbeeren naschen gehen…

in aller munde

es gibt so modewörter, modeformulierungen. sätze, die du vor paar jahren nicht oder höchst selten gesagt hast, und die urplötzlich in aller munde sind: “zum bleistift”, “buch-hal-tee-risch”, “nicht wirklich”, “das rechnet sich (nicht)”,… sowas.

ich kann mich noch an den beginn von “nicht wirklich” erinnern: laßt es 5 oder 7 jahre her sein… als erstes kam damit meine damalige lieblingssekretärin an… noch heute hat diese formulierung ihren ton, ihre stimme, selbst, wenn ich das selbst sage. findest du das gut? nicht wirklich… willst du dies oder jenes? nicht wirklich! – ich wüßte nicht, wie ich damit leben könnte, ohne genau diese antwort geben zu können.

aber ‘man sieht sich’ kann ich bis heute nicht leiden.

ich sehe sie förmlich vor mir sitzen und “nicht wirlich” sagen, und frage ich mich: schaffen es solche formulierungen über sprachgrenzen?

haben soviele deutsche in englischsprachigen zusammenhängen z. b. ‘not really’ mit dieser betonung gesagt, daß die das übernommen haben. oder andersherum?

es geht natürlich nicht mit allen formulierungen. ‘for pencil’ wäre ja ein ganz dummes beispiel…

am gehen

ein zug rast
unbeirrt vom bahnsteig
und du verschläfst
mal wieder

dein fuß zuckt
neben meinem abschied
und du besingst
(im traum)
unser zweisamsein

dein lächeln stirbt
in meinem herzen
dein mund nur
hohl wie mein gefühl
weil du nicht hinsiehst
hörst du mich nicht

am gehen

das blaue mädchen, für eine freundin und ihre freundin